Chico
 


Kongo - Graupapagei
und Herzensbrecher

 
Handaufzucht

April 98 - März 99

 

Gastbericht von Mam'

 

 

 

Im Juni 98 hat Peter mich überredet, mit ihm zu einem Züchter zu fahren, um mir einen kleinen, von Hand aufgezogenen Graupapagei anzusehen. Es war schon immer Peters Traum, einen Papagei zu haben und ich wusste eigentlich schon im voraus, wie diese "Besichtigung" enden würde. Trotzdem hab ich mich breitschlagen lassen und wir sind zusammen hingefahren.

Da lag er nun in seinem Körbchen und schon beim ersten Blick in seine noch tiefschwarzen Augen ist mir das Herz aufgegangen. Keine Diskussion, wir mussten ihn einfach kaufen! Wir fanden es auch nicht weiter schlimm, dass Chicos rechtes Beinchen verdreht war. Laut Züchter kam das von einer falschen Lage im Ei, trotzdem würde er ein ganz normales Leben führen können. Er würde trotz Behinderung laufen und klettern lernen und schließlich sei das Bein ja auch nicht so wichtig, ein Vogel könne ja fliegen.

Chico war zehn Wochen alt und noch nicht futterfest. Der Züchter meinte aber, das sei auch für Laien "kein Problem" und zeigte uns kurz an einem kleinen Amazonenbaby, wie man mit einer Spritze füttert. Und schließlich könnten wir ihn ja jederzeit anrufen, falls was nicht klappt.

Mit Chico in der Kiste und einem Päckchen Aufzuchtsfutter nebst Spritze im Gepäck machten wir uns also wieder auf den Heimweg.

Jetzt hatten wir also ein Papageienbaby .... und keine Ahnung von Haltung, Verhaltensweisen, Fütterung usw. Es war uns schon etwas mulmig zumute, als wir die erste Spritze aufgezogen haben! 

Am nächsten Tag sind wir dann gleich losgezogen und haben uns erst mal ein Buch besorgt und tagelang haben wir das Internet nach brauchbaren Informationen zu Graupapageien durchforstet.

Da Chico weder klettern noch fliegen konnte, brauchte er zunächst auch keinen Käfig. Er "bewohnte"  einen kuscheligen Teppich auf dem Fußboden. Nachts schlief er in einer Spielzeugkiste, die wir mit Holzspänen und Vogelsand gefüllt hatten.

Chico mit verkrüppeltem BeinchenChico entwickelte sich in den nächsten Wochen sehr gut. Nach zehn Tagen begann er, seine ersten Sonnenblumenkerne zu schälen und lies sich frische Himbeeren und Kirschen schmecken. Nur mit dem Laufen wollte und wollte es nicht klappen. Der arme Kerl konnte sich nur auf dem Bauch schiebend fortbewegen. Wenn er aufrecht sitzen wollte, setzte er seine rechte Schwinge als Standbein ein, was im Laufe der Zeit dazu führte, dass sich die Schwungfedern verkrümmten und ausfransten.

Wir sind mit Chico dann zu einem Tierarzt, vielleicht gab es ja doch eine Möglichkeit, ihm zu helfen?  Aber der konnte uns da leider keine Hoffnung machen, ganz im Gegenteil! Er meinte, bei so einer einseitigen Belastung wäre es absehbar, dass Chico früher oder später Probleme mit seinem linken Fuß bekommen würde und erfahrungsgemäß hätte ein so behindertes Tier auch keine hohe Lebenserwartung.
Ich habe den ganzen Heimweg nur geheult.

Wenn Chico schon nicht "normal" leben konnte, wollten wir es ihm wenigstens besonders schön und angenehm machen. Wir kauften ihm einen Käfig, den wir speziell für ihn eingerichtet haben. Jeder Sitzplatz bekam einen etwas höher gelegenen "Griff", an dem er sich mit dem rechten Fuß festhalten konnte. Quer durch den Käfig spannten wir ein Sisalband, so dass er nachts liegend schlafen und sich sein linker Fuß entspannen konnte. Peter baute im Wohnzimmer einen Kletterbaum, der so konstruiert war, dass Chico überall die Möglichkeit hatte, auch seinen rechten Fuß einzusetzen.

Frische Luft macht sooooo müde!Der Nachteil, nicht fliegen zu können, sollte für Chico wenigstens einen kleinen Vorteil bringen und so haben wir ihn immer und überall hin mitgenommen. Wir machten lange Spaziergänge, er saß im Fahrradkorb, wenn's an den Baggersee ging und er blickte stolz von Peters Schulter, wenn wir mit den Inlinern durch den Wald fuhren.

Ende September haben wir dann beschlossen, für Chico einen Gefährten zu besorgen. Vielleicht würde ihm das ja auch in seiner Entwicklung helfen?

Wir hörten uns bei den Züchtern in der Gegend um (bei unseren Spaziergängen mit Chico haben wir viele Papageienhalter kennen gelernt)  und so kamen wir zu Charly. Es zerriss mir fast das Herz, als ich sah, wie dieser kleine, gesunde Papagei am Baum kletterte und durchs Wohnzimmer düste. Und mein armer kleiner Chico konnte das alles nicht und wird das auch nie können?

Chico und Charly auf dem KletterbaumWir wollten noch die Meinung eines weiteren Tierarztes hören und sind mit Chico in die Kleintierklinik in Freiburg gefahren. Chico wurde geröntgt und Dr. Machleid meinte, mit der rechten Schwinge sei eigentlich alles in Ordnung, es seien lediglich die Federn verstümmelt. Es gab also eine Chance, dass Chico nach seiner ersten Mauser doch noch fliegen lernt. Das war die beste Nachricht seit langem!

Nach anfänglichen Schwierigkeiten (ich will nicht ausschließen, dass mein Gluckenverhalten maßgeblich dazu beigetragen hat) verstanden sich Chico und Charly bestens. Charly ermunterte ihn täglich zu neuen Höchstleistungen und so schaffte es Chico schließlich auch, die Leiter am Kletterbaum ohne meine Hilfe hochzuklettern. Ich werde nie vergessen, wie stolz der kleine Kerl da oben stand und einen lauten Schrei ausstieß!

Wir wissen nicht, warum und wie es genau passiert ist, am 29. März 1999 ist Chico vom Kletterbaum gestürzt und konnte sich danach nicht mehr aufrichten. Peter ist sofort mit ihm in die Tierklinik gefahren, den ganzen Weg lag der Kleine auf seinem Schoß und hat keinen Ton von sich gegeben. 

Chico wurde geröntgt, das Ergebnis war niederschmetternd. Er hatte sich bei dem Sturz sein linkes Bein und sein kleines Rückgrat gebrochen. Die Ärzte konnten ihm nicht mehr helfen, Chico musste eingeschläfert werden.

Peter hat ihn bis zuletzt in seinen Armen gehalten.