Was Mam' dabei so alles durch den Kopf geht...

Danke, Marianne!

[M. Rosenberg - "Die großen Erfolge" ©1999]

 

 

Freitag, Feierabend, Wochenende. Ich genieße jede rote Ampel auf dem Heimweg, trotzdem komme ich irgendwann dann doch zuhause an. Langsam schäle ich mich aus den Klamotten, schlüpfe in geier-erprobte Fetzen und schleppe mich zum CD-Schrank.
I ... , J ... , K ... , L ... , Marianne, es ist soweit, ich brauch mal wieder deine Hilfe.

Schon bei den ersten Takten verziehen sich die Grauen in die Küche. Keine Frage, sie wissen, was die Klänge zu bedeuten haben. Und während du Marlee-een wegschickst, hole ich den Dampfreiniger raus, fülle heißes Wasser in den Putzeimer und krame nach der groben Schuhputzbürste.

Wie Blumen duftet jedes Wort - nicht auf der Zeitung, die ich in der Voliere zusammenknülle. Mit Blumen teilen die höchstens die Farbe. Ich hiefe die Wanne raus und schleppe sie in's Bad. Eine von uns beiden muß nun gehen - nimm mich mit, rufe ich stumm, oder hilf mir wenigstens noch, das schwere Teil in die Badewanne zu wuchten.

Weder der eine noch der andere Wunsch wird erfüllt, ich krempel also die Ärmel hoch und tauche die Bürste tief in den Eimer. Er gehört zu mir - wie die Scheiße an der Tü-ür. Ich dreh die Lautstärke ein bisschen höher, die Bürste kratzt über die Gitter. Ist es wahre Liebe, uh-uh-uh, die nie mehr vergeht, uh-uh-uh, oder wird die Liebe vom Winde verweht? - die vielleicht schon, die Wand trennt sich von diversen Obststücken leider erst als ich die Spachtel zu Hilfe nehme. Jetzt kleben sie an meinem T-Shirt. Nein, nicht alle, sonst wäre ich ja wohl nicht reingetreten.

Mehr als einmal hab ich mich gefragt - ich auch, Marianne, ich auch, na-na-na-na-na-naa - eins nach dem andern geben die verkrusteten Häufchen meinem Hämmern nach. Dein Karneval lockt die Geier zurück in's Wohnzimmer. Mit ihren Schnäbeln machen sie mir unmissverständlich deutlich, dass ich nichts in ihrer Hütte verloren habe. Der Griff zum Dampfreiniger rettet mich, schimpfend verlassen sie den Tatort. Fremder Mann, schau mich an. Du bist Schuld daran - ja, lass mich dich nicht in die Finger kriegen. Mach es mir nicht so schwer - mit Volldampf durch die Ritzen, es regnet Körnerhülsen, grün tröpfelt's auf's Parkett.

War es wirklich gestern, als ich noch allein war - und den Feierabend im Biergarten verbringen konnte? Nochmal die Bürste -autsch- der zweite Knöchel gibt blutend nach. Ich bin wie du, wir sind wie Sand und Meer - ich spüre förmlich den Strand zwischen meinen Zehen. Aus dem Dampf wird Wasser, na ja, nicht grade Wellen, eher gemütlich, wie es da die Fensterscheiben runterläuft. Rudi kommt zurück - Er schaut mich an , mit treuen Augen - Luftfeuchtigkeit 1a. Trotzdem holt ihn Charly wieder ab, in der Küche scheint die Stimmung besser zu sein. Mr. Paul McCartney , weißt du wie ich leide - ich bin sicher, du hast nicht die geringste Ahnung - denk doch bitte auch einmal an mich - und schick mir eine Putzkolonne!

Nur eine Nacht, Ich war verliebt und hab' ja gesagt - weil natürlich keiner diesen monatlichen Alptraum erwähnt hat. Jeder Weg hat mal ein Ende - gilt das auch für Leidenswege? Zumindest für das Kletterseil hier scheint es frühzeitig erreicht. Einen weiteren Waschgang wird's wohl nicht mehr überstehn. Ab damit in den Mülleimer. Der steht in der Küche, wo ich grade überhaupt nicht willkommen bin. Wer in DreiTeufelsNamen hat den Würfelzucker offen stehen lassen?

Lieder der Nacht ... "Griechischer Wein", "Mona Lisa" und "Tu t'en vas" und dann noch "Fly Robin Fly" - ein verlockender Gedanke schleicht durch meine Hirnwindungen ... Balkontür auf und wegsehn? Ich bin wieder frei ... tief durchatmen. Ich gönne mir eine schnelle Zigarette, die Tür mach ich dann aber doch hinter mir zu.

Wo schläfst du? - ja, ja, ich mach ja schon weiter. Das Geschirrtuch wirbelt über die Gitter. Aus Leinen, das einzige, was dabei nicht in Fetzen geht. Für immer wie heute - sorry, Marianne, da sing ich nicht mit. Ich verzieh mich in's Bad, nehme mir die Wanne vor. Scheuermilch, Stahlwolle, Dusche. Mit triefenden Haaren schleppe ich das Teil zurück in die Voliere.

Atlantis ist weit - nein, Atlantis scheint hier hoch zu kommen! Zumindest der längst verloren geglaubte Knopf von meinem Blazer ist wieder aufgetaucht.

Papier auf den Boden, Näpfe an die Wand, neuer Zweig an die Decke - total erledigt sinke ich in die Couch.

Wer ist das Mädchen - du meinst die hübsche Kleine, die grad oben auf der Voliere sitzt und dem grünen Häuflein nachguckt, das da langsam aber sicher die Stange runterkriecht? Marianne, das ist Charly.

" C H A R L Y !!! "

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